Wicked Problems oder: Warum Planung nicht funktionieren kann und wir aber dennoch planen sollten.

Ein Gastbeitrag von Dr. Florian Koch (ehemalig Institut für Stadt- und Raumplanung FHE, heute Professor in Südamerika)

Berthold Brecht scheint in seiner Dreigroschenoper bereits ein Problem der heutigen Stadt- und Raumplanung  zu beschreiben: „Ja, mach nur einen Plan; Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan – Geh’n tun sie beide nicht.“

Nicht funktionierende Pläne und eine Stadtentwicklungspraxis, in der oftmals genau das Gegenteil von dem planerisch sinnvoll Erscheinenden umgesetzt wird, gehören offensichtlich zum Planungsalltag. Horst Rittel und Melvin Webber haben in ihrem 1973 erschienenen Aufsatz „Dilemmas in a General Theory of Planning“ einige spannende Gedanken zur Profession der Stadt- und Raumplanung verfasst, die auch heute noch hoch aktuell sind:  Die moderne Stadtplanung entstand im Zuge der Industrialisierung und hatte zunächst das Ziel, Gefahren abzuwehren. Konkret bedeutete das unter anderem, Abstandsflächen zwischen den Häusern bereitzustellen, damit die Feuerwehr bei einem Brand alle Gebäude erreichen konnte oder auch die Verbreitung von Krankheiten durch den Ausbau von Ver- und Entsorgungsnetzen zu stoppen. Die damaligen Ziele der Planung scheinen zumindest in europäischen Städten weitgehend realisiert, die heutigen Herausforderungen sind andere.

Rittel/Webber sehen als Aufgabe der heutigen Planung vor allem den Umgang mit wicked problems an. Wicked, von LEO als böshaft, gefährlich, schlimm, verrucht übersetzt, wird als Gegensatz zu tame (=zahm) oder benign (=gutartig) problems verstanden. Als eines der gutartigen Probleme wird die Aufgabe eines Mathematikers gesehen, eine komplizierte Gleichung zu lösen: Die Aufgabe und das Ziel sind klar definiert und es ist deutlich zu erkennen, ob das Problem (d.h. die Gleichung) gelöst wurde oder nicht. In der Stadt- und Raumplanung existieren solche Probleme in der Regel nicht. Beispielhaft soll dies anhand einer typischen stadtplanerischen Aufgabe, der Aufwertung eines benachteiligten Stadtteils, aufgezeigt werden. Zunächst ist zu fragen, was in diesem Fall das Problem darstellt: Ist es die nicht sanierte Bausubstanz, ist es die soziale Benachteiligung der Bewohner oder die im Stadtteil fehlende Wirtschaftsstruktur? Eine eindeutige Antwort fällt schwer, da sich die Probleme überlagern und gegenseitig bedingen. Insofern erstaunt es nicht, dass auch die Suche nach Zielen und Maßnahmen wicked ist: Es gibt keine richtigen und falschen Lösungen für Planungsprobleme, sondern nur gute bzw. schlechte Lösungen, die immer eine normative Wertung enthalten. Was für den einen die Lösung eines Problems darstellt, generiert Probleme für andere. Die Aufwertung eines Stadtteils kann zur Verdrängung der angestammten Bevölkerung führen. Wicked ist auch ein weiteres Charaktermerkmal von Planung: Planung ist langfristig und das trial and error Prinzip nicht gültig: Ein im Zuge der Revitalisierung einer Brachfläche neu errichtetes Gebäude existiert für lange Zeit. Hinterher lässt sich nicht mehr ausprobieren, ob an Stelle des neuen Einkaufszentrums vielleicht Wohnbebauung die attraktivere Lösung gewesen wäre oder man nicht besser einen neuen Park dort angelegt hätte.

Festhalten lässt sich demnach, dass sich die Stadtplanung mit Problemen beschäftigt, die in der Regel weder eindeutig definierbar noch vollständig lösbar sind. Dies bedeutet auch, dass die Ziele und Maßnahmen, die wir Planer entwickeln, nie hundertprozentig funktionieren können sondern je nach Blickwinkel von bestimmten Akteuren gut, und von anderen hingegen als schlecht empfunden werden. Parkraumbewirtschaftung stellt für Autofahrer sicher ein Ärgernis dar, während Fußgänger und Radfahrer sich über freie Geh- und Radwege und weniger Autoverkehr freuen. Wenn jedoch Planer nur Lösungen entwickeln können, die einen Teil der Bevölkerung zufrieden stellen, dann stellt sich die Frage, warum dennoch geplant werden soll. Mittelmäßige Lösungen lassen sich doch auch ohne Planer finden?!

Stadtplanung muss sich offensichtlich von der Vorstellung trennen, perfekte Maßnahmen, die alle glücklich machen, zu entwickeln und umzusetzen. Hierfür sind die Probleme der heutigen Städte zu wicked d.h. zu bösartig. Wenn Planer es hingegen als ihr Anliegen betrachten, schwächere Interessen, die sich sonst nicht durchsetzen können, im Auge zu behalten und ggf. mit planerischen Maßnahmen zu unterstützen und gleichzeitig die Vermittlung zwischen unterschiedlichen Interessen als gleichberechtigte Aufgabe neben der eigentlichen Planerstellung sehen, wird deutlich, dass Stadtplanung trotz des ein oder anderen nicht funktionierenden Plans eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe ist!

Rittel, H.; Webber, M. (1973): „Dilemmas in a General Theory of Planning”. In Policy Sciences 4, 155-169. Online verfügbar: http://www.cc.gatech.edu/~ellendo/rittel/rittel-dilemma.pdf

Bildquelle: Fachschaftsrat SuR FHE

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